Menschen, Ideen, Hardware – in der Reihenfolge. Benjamin Wittorf

Mein Stand – 2021

„Die Tage sind lang, aber die Jahre sind kurz.“

Gretchen Rubin

2021 neigt sich dem Ende zu — Zeit für einen Rückblick auf mein öffentliches Schaffen und einen kleinen Ausblick auf das nächste Jahr.

Was war

Einer meiner Höhepunkte war die Podcast-Reihe „Auf einen Kaffee mit Ben und Daniel“, die ich zusammen mit Daniel Scherer aufgenommen habe. Wir haben uns über viele interessante und spannende Dinge rund ums Menschsein ausgetauscht — und eigentlich ziemlich wenig Kaffee dabei getrunken. Falls du die Reihe noch nicht gesehen hast, findest du bestimmt ein paar Ideen für dein neues Jahr.

Die ÜBERSCHRIFTEN sind in die dritte Version gegangen, mit einem neuen Design und neuer Webseite, mit einigen Ausstellungen, und der Veröffentlichung von Texten über das Projekt selbst und gut dreißig vollständigen Interpretationen, was hinter so einer einzelnen Überschrift alles stecken kann. Inzwischen habe ich über 1000 ÜBERSCHRIFTEN verfasst.

Alte Texte — ich habe ein paar alte Texte wiederveröffentlicht, und der älteste ist dabei einer der inzwischen meistgelesenen: „Die Taubenmafia“. Vielleicht bin ich aktuell im falschen Thema unterwegs?

Bei der Gelegenheit habe ich auch alle meine Kunstprojekte zusammengetragen und öffentlich gemacht, sowie alle Fotos, wie aktuell „Dortmund Botanischer Garten Rombergpark und Phoenix See“, die mir Jens vom Hiking Blog gezeigt hat. Du findest auch alte Musik von mir, allerdings solltest du das eher als eine Art Warnung verstehen.

Was ist

Wonach ich oft gefragt worden bin, ist ein wenig über meinen Werdegang zu erzählen und ein paar Hintergründe offenzulegen. Das kannst du nun nachlesen. Du kannst auch mehr zur Zusammenarbeit mit mir erfahren.

Noch bis zum Jahresende bin ich mit der Übersetzung der Theorie von John Boyd, dem OODA-Loop, einer der wichtigsten US-amerikanischen Militärstrategien, beschäftigt, und ich freue mich sehr darüber, dass ich dafür den Segen von Chet Richards habe, dessen Texte ich ebenfalls übersetzen darf und anschließend werde.

Auch noch bis zum Jahresende wird es eine weitere Installation mit den ÜBERSCHRIFTEN bei und mit Oliver Conrad geben, und auch die App von Thomas Lepich wird gerade durch ihn grundlegend überarbeitet.

Was kommen wird

In Zukunft wird es endlich wieder öfter Texte geben, und die nächsten werden „abschließend“ noch ein paar rund um Persönlichkeitsentwicklung sein. Meine Vision hat sich allerdings in den letzten Monaten geändert, und aus den dazugehörigen Missionen wird sich die inhaltliche Ausrichtung darauf konzentrieren. Dazu werde ich in den nächsten Wochen noch ausführlicher schreiben, und das verrate ich jetzt schon gerne: sie werden mit Politik und Metamodernismus sowie mit Status und Signalling zu tun haben.

Auch die ÜBERSCHRIFTEN werden sich als Kunst-Projekt weiter entwickeln. Wenn du Interesse an einem Mitwirken hast, dann solltest du dich angesprochen und das als Aufforderung verstehen — schreib mir!

Das Problem zeigt sich in Details

Die Liebe zum Detail ist nicht nur ein Indikator für Kompetenz und Selbstvertrauen1 und ein wichtiger Bestandteil von Marketing. Sie ist eine Frage unseres Selbstanspruchs und wie dieser sich als roter Faden durch unser Schaffen zieht2, aber auch eine Aussage darüber, wie aufmerksam wir uns Details an anderer Stelle widmen, und was wir auch für andere als wichtig erachten.

Deshalb lässt die Liebe zum Detail recht gute Rückschlüsse auf uns und andere ziehen — und sich als Hinweis auf größere Probleme nutzen.

Das wahrscheinlich bekannteste Beispiel dafür ist wohl, dass Van Halen vertraglich festhalten ließ, dass Konzertveranstalter:innen bitte M&Ms, allerdings auf gar keinen Fall braune, bereitstellen sollten. Das hatte nur weniger mit der Exzentrik der Band-Mitglieder zu tun, als mit einem ganz praktischen Hintergrund: Die Band hatte so eine einfache und schnelle Möglichkeit, schon am Buffet zu überprüfen, ob die Konzertveranstalter:innen den Details im Vertrag Aufmerksamkeit geschenkt hatten. Und wenn sie braune M&Ms vorfand, dann wusste sie, dass sie ihr anspruchsvolles Bühnen-Setup gründlich überprüfen müsste.

Die Idee von diesem „braune-M&Ms-Prinzip“ ist es, dass es uns ermöglicht, sehr leicht Dinge, wie Menschen und Veranstaltungen, aber auch Produkte und Dienstleistungen zu beurteilen — basierend auf Kriterien, die für uns leicht nachzuvollziehen sind. Wir können uns also fragen, was unsere „braunen M&Ms“ sind, und sie entsprechend an unsere Anforderungen anpassen.3

Was allerdings genauso wichtig ist, ist zu verstehen, dass andere Menschen, ob bewusst oder unbewusst, ebenfalls ihre „braunen M&Ms“ haben, um uns zu bewerten, und wir das in unserer Liebe zum Detail entsprechend berücksichtigen.


  1. ÜBERSCHRIFTEN № 62
  2. ÜBERSCHRIFTEN № 545
  3. Während wir sicherstellen, dass sie nur einen Teil unseres Urteils und unserer Entscheidungsfindung ausmachen. 

Flüsse des Bewusstseins, Ströme der Identität

Wir haben eine recht gute Vorstellung davon, was Bewusstsein ist, nur nicht in klar definierter Begrifflichkeit. Bewusstsein ist nicht wirklich körperlich oder „gespeichert“ — es ist das Muster unserer Gehirnaktivitäten; ein übergeordneter Effekt dessen, was in unseren Körpern passiert.

Das Problem mit Identität ist1, dass wir dazu neigen, sie als etwas Statisches zu sehen, und nicht als etwas, das an Zeit gebunden ist. Schließlich sind wir ja in der Gegenwart, und das kann uns dazu verleiten zu denken, „okay, das bin ich“.

Nur, dass das so nicht stimmt. Am Ende des Tages bist du natürlich noch du, allerdings verändern wir uns. Unsere Körper nehmen Schaden und reparieren sich, verlieren an Substanz und gewinnen neue hinzu. Du bist noch immer du nach diesen physischen Veränderungen, auch nach der zeitlichen, nur vernachlässigen wir dabei gerne diesen zeitlichen Aspekt unserer Identität.

Dabei ist es recht einfach zu zeigen, dass der freie Wille eher eine Bezeichnung und keine Tatsache ist, und unsere Identität ein Muster von Reaktionen2: Wenn wir einen Menschen sehen, der in einer für uns nur zu gut bekannten Geste reagiert, und wir uns denken, „wie typisch!“ — dem Muster der Aktivitäten hervorgeholt aus dem Körpergedächtnis, und unserer eigenen Mustererkennung.

Sobald wir allerdings begreifen, dass Zeit eine wesentliche Komponente von unserem „ich“ ist, und dass das „ich“ ein Muster von Interaktionen im physischen Raum ist, sind viele Fragen, was Identität denn nun genau sei, sehr viel leichter zu beantworten.3

Vielleicht geht das sogar so weit, dass das Bewusstsein als „Muster“ zu betrachten unsere einzige Möglichkeit ist, es zu verstehen. Denn schließlich sind unsere Gehirne fantastische Filter- und Mustererkennungsmaschinen.4


  1. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum viele Menschen das Schiff des Theseus für ein Paradoxon halten. 
  2. Kein Dämon an der Stelle. 
  3. Nicht nur in dem Kontext, sondern auch für den Artikel: Ich persönlich bin ein großer Freund des Vierdimensionalismus
  4. Auch wenn fast alle kognitiven Verzerrungen daher rühren. 

Prinzipien vor Techniken

Prinzipien sind für unsere Entwicklung wichtiger als Techniken, denn durch Prinzipien lernen wir ein grundlegendes Verständnis über das Wesen der Dinge, und können sie jederzeit in eine Vielzahl von Techniken überführen, die der Situation angepasst sind.

Wir reagieren in Techniken, allerdings verstehen wir in Prinzipien; Techniken sind entsprechend reaktiv und Prinzipien proaktiv. Daher sollte Strategie auf Prinzipien basieren und in Techniken umgesetzt werden.

Techniken sind im gewissen Maße oft nur „bessere Tricks“, haben allerdings einen unmittelbaren praktischen Nutzen und können in Form von Gewohnheiten schnell erlernt werden. Trotzdem kann durch sie keine Heranführung an Prinzipien gewährleistet werden, denn das alleinige Erlernen von Techniken führt selten zu einem tiefen Verständnis an sich. Wenn wir jedoch das zugrunde liegende Prinzip kennen, können wir es in auch in anderen Techniken wiederfinden.

Das Erlernen von Prinzipien scheint deshalb oft nur vordergründig mehr Zeit zu benötigen, da ohne ihr Verständnis für eine beliebige Anzahl von Situationen oft eine andere Technik erlernt werden müsste.1 Während des Lernens sollten sie, um ihre Anwendbarkeit zu verstehen, deshalb immer in Techniken umgesetzt werden.

Das Motto könnte also sein: „Das Prinzip ist der Weg“.


  1. Die Frage an dich: Wann solltest du das Prinzip erlernen, und wann „reicht“ die Technik? 

Schlechte Ideen

Die schlechteste Idee ist die, die du nicht aufgeschrieben hast.

Die zweitschlechteste Idee ist die, die du nicht wiederfindest.

Die drittschlechteste Idee ist die, bei der du den Kontext nicht aufgeschrieben hast.

Die viertschlechteste Idee ist die, die ein Problem richtig erkennt, aber prinzipiell nicht umzusetzen ist.

Die fünftschlechteste Idee ist die, die trivial klingt, aber komplex umzusetzen wäre.

Die sechstschlechteste Idee ist die, die funktioniert, aber aus der du nichts machst.

Die siebtschlechteste Idee ist die, die du nicht teilst.

Wahrscheinliche Unmöglichkeiten und unmögliche Wahrscheinlichkeiten

Die meisten Menschen machen sich nicht klar, wie unmöglich manche Dinge sind, besonders im Kontext der Physik. Jedes Mal, wenn sie einen populärwissenschaftlichen Artikel lesen, der etwas anderes zu behaupten scheint, liegt das daran, dass es eine neue Veröffentlichung gibt, die eines der Probleme löst, die diese Dinge, die „den Naturgesetzen widersprechen“, möglich machen könnten. Was wir gerne so interpretieren, dass es jetzt möglich sei, da vielleicht ein mathematischer Fehler behoben wurde.

Bei der Entstehung eines spekulativen Konstrukts kann es zu Beginn eine große Anzahl von widersprüchlichen Problemen gegeben haben, die dieses Konstrukt als unmöglich bewiesen, wie vielleicht die fehlende Untermauerung durch entsprechend Mathematik, die auf dem Weg in unsere Zeit durch unsere Fortschritte in der Mathematik allmählich abgenommen hat.

Jetzt könntest du vielleicht denken: „Das bedeutet doch, dass die Entwicklung zeigt, dass wir mit der Zeit diese Probleme lösen!“ — das kann allerdings ein sehr trügerischer und falscher Rückschluss sein. Denn die Liste der Probleme mag zwar abnehmen, nur kann es eine beliebige Anzahl von Problemen auf dieser Liste geben, die nicht gelöst werden können, ganz gleich, welche Fortschritte wir machen.

Das Problem Nummer eins könnte vielleicht sein, dass dieses spekulative Konstrukt gegen Entropie verstößt. Entropie ist ein so fundamentaler Bestandteil der Thermodynamik, dass sie als das angesehen wird, worüber die Menschheit sich in allen ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen am sichersten ist, dass sie zunehmen muss.1

Die Sache ist die, dass wir nicht einfach eine Unterteilung in „möglich“ und „unmöglich“ vornehmen können.

Stattdessen haben wir ein ganzes Spektrum innerhalb von „unmöglich“, um zu messen, wie unmöglich etwas ist. Es gibt Dinge, die „etwas unmöglich“ sind; die nur mit ein oder zwei Dingen kollidieren, die wir über Physik oder Mathematik wissen, es aber sein könnte, dass wir irgendeinen Apprat bauen können, ohne diese physikalischen Eigenschaften nutzen zu müssen, oder dass unser Verständnis der Physik und der Mathematik nicht vollständig war.

Darauf beziehen sich die meisten Menschen, wenn sie sagen: „Wir dachten noch vor einiger Zeit, das sei unmöglich, aber jetzt ist es doch möglich!“ Einige dieser Probleme mit spekulativen Konstrukten werden tatsächlich durch neue Mathematik oder neue Erkenntnisse in der Physik gelöst, weshalb die Anzahl der Probleme abnimmt.2

Auf der anderen Seite des Spektrums haben wir Dinge, die extrem unmöglich sind. Das Unmöglichste, das die Menschheit kennt, ist die Umkehrung von Entropie.3 Es gibt nichts, das wir kennen, das mit größerer Sicherheit unmöglich ist als die Verletzung von Entropie.

Und es gibt auch einen Unterschied zwischen praktischer technischer „Unmöglichkeit“ und Dingen, die die grundlegenden Mechanismen des Universums als einen „Division durch null“-Fehler4 behandeln. Es ist nicht nur „Wir haben nicht gedacht, dass wir noch kleinere Abstände zwischen Leiterbahnen für Mikrochips machen können, geschafft haben wir es dennoch!“ — wir werden nicht herausfinden, wie wir Entropie umkehren können, es sei denn, wir hätten alle Informationen des gesamten Universums.

Schließlich könnte „unmöglich“ auch sehr gut „höchst unwahrscheinlich im Sinne von praktisch ohne Bedeutung“ meinen.

Nun halte ich zwar alles für erforschenswert, allerdings halte ich nichts grundsätzlich für „möglich“, weil es den heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen widerspricht, ohne Beweise zu haben. Und nur weil wir etwas für „unmöglich“ halten, bedeutet das auch nicht, dass wir nicht erforschen sollten, warum es nicht möglich ist, und dabei können wir entdecken, dass etwas möglich ist, auch wenn es unwahrscheinlich ist.

Und wie können wir dennoch sagen, dass etwas unmöglich ist, wenn Physiker:innen wissen, dass unsere Theorien unvollständig sind? Weil das Fehlen von vollständigem Wissen kein Beweis für „Möglichkeit“ ist, und vieles von dem, was wir wissen, rigoros getestet und als Realität5 beobachtet wird.

Ich fände es schön, wenn einige Dinge, diese spekulativen Konstrukte, möglich wären, doch die Behauptung, dass sie möglich sind, ist schlicht nicht stichhaltig und zum jetzigen Zeitpunkt vielleicht einfach nur fantastisch.


  1. Als berühmte Nobelpreisträger wie Albert Einstein, John von Neumann, Werner Heisenberg und Erwin Schrödinger gefragt wurden, worüber sie sich in der gesamten Physik am sichersten wären, antworteten sie alle übereinstimmend, „dass Entropie niemals verletzt werden wird.“ 
  2. Was wir oft beobachten können, ist, dass die meisten Menschen davon ausgehen, dass alles möglich sei, nur weil in der Vergangenheit ein paar unzusammenhängende Dinge „über Bord geworfen“ wurden. Allerdings befinden wir uns in einem Zeitalter, in dem unsere Messungen unglaublich genau geworden sind, und in dem wir die meisten Köpfe und Ressourcen haben, die sich diesen Problemen widmen, als jemals zuvor. 
  3. Der Einfachheit halber nehme ich mal lokale geschlossene Systeme außen vor. 
  4. Sonst passiert vielleicht halt so etwas
  5. Wo auch immer wir die haben. 

Ein Selbstbild ist kein Spiegel

Als ich anfing, aus meinen Notizen die ÜBERSCHRIFTEN herauszuarbeiten und in Form zu gießen, hatte ich noch lange nicht daran gedacht, sie in irgendeiner Art und Weise zu kategorisieren. Ich war auch fernab davon, sie vor einen Hintergrund zu stellen: Sie ergaben sich daraus, mit was und wem ich mich gerade beschäftigt hatte. Und sie wollten aus mir raus, um rückblickend eine Erkenntnis einzufangen.

Nun habe ich seit einigen Jahren ein Selbstbild gepflegt, wie ich zum ersten Mal indirekt darüber bei Scott Adams1 und schließlich in ausführlicher Form bei Maxwell Maltz2 gelesen habe, nur direkte Zusammenhänge oder „Bedingungen“ zu diesen Rückblicken, zu den Erkenntnissen, die habe ich dabei nicht hergestellt.

Inzwischen habe ich über 900 ÜBERSCHRIFTEN verfasst; seit über einem Jahr in etwa findest du tägliche Veröffentlichungen in den sozialen Medien, allen voran bei Instagram. Und nach einigen Diskussionen, Gesprächen und Kommentaren — nach diversen reality checks — sind mir dabei unter anderem zwei Dinge klar geworden:

  1. dass ich mittelfristig aus noch darüber zu schreibenden Gründen sehr wohl eine Kategorisierung sowohl für mich als auch für meine Fans benötige, und vor allem aber:
  2. dass die ÜBERSCHRIFTEN an einem Ereignishorizont vorbeigeflogen auf mich zurückgefallen sind, verfremdet und doch erkennbar, und ich mich fragen musste, ob ich meine Wahrnehmung von ihnen oder sie mich durch diese Wahrnehmung verändert haben.

Wenn ich von ganz praktischen Dingen während ihrer Reise absehe, wie von einer grundlegenden Überarbeitung der ÜBERSCHRIFTEN selbst aufgrund des einen oder anderen verloren gegangenen Kommas, aufgrund fehlinterpretierter oder durch mich falsch formulierte Individualisierung von Verantwortung, oder aufgrund nicht ausreichender Rücksichtnahme auf marginalisierte Menschen, dann merke ich, dass ich etwas naiv sowohl in der Art und Weise, wie ich die ÜBERSCHRIFTEN auf die Reise schickte, als auch in dem Umgang mit meinem Selbstbild selbst gewesen bin.

Oder anders: Dass es mein Selbstbild verlangt hat, die ÜBERSCHRIFTEN zu verfassen, aber dass das nicht die Verhaltensänderung in mir bewirkte, die ich auch in den ÜBERSCHRIFTEN selbst zusammengefasst habe.

Von einem meiner Vorbilder, Jenny Holzer, deren Installationen ich 2019 in Bilbao gesehen und sie mich so motiviert hatte, die ÜBERSCHRIFTEN in dieser Form umzusetzen, sollte ich dann in den Vorbereitungen zu diesem Text lesen, was sie über ihre „Truisms“ schrieb:

„The Truisms were written from many viewpoints as I tried to sort out what I believed and attempted to portray what other people think, to make a survey of beliefs.“

Jenny Holzer

Womit sie vortrefflich und bestens das beschreibt3, was sich mir erst bei einem Blick zurück auch als roter Faden offenbarte — und genauso offenlegte, dass ich bei meiner Umfrage nach Überzeugungen mich letztlich nicht selbst erneut befragt hatte.

Zufällig bin ich bei Recherchen zu den ÜBERSCHRIFTEN auf der Webseite meines liebsten Ex-Spions, wo ich mal wieder etwas über Richard Feynman las, auf dessen Konzept der „12 Favorite Problems“ gestoßen.4 Für meine mir wichtigen Ziele und für das, was ich schaffe, öffnete sich so ein Kontext, weil Fragen immer ein „warum“ beinhalten, worauf wohl auch kaum jemand anders treffender als Feynman hätte hinweisen können.

Als ich bei den ÜBERSCHRIFTEN bewegend darum gebeten worden bin, nicht länger „Idiot“ zu schreiben, hatte mir mein Selbstbild gezeigt, dass ich mir darüber Gedanken machen sollte, da ich mich als ein „Wir“-denkender Mensch definiere. Ich wusste also nur, dass ich es nicht länger tun sollte. Und als daraus eine Frage wurde, verbanden sich die Synapsen, die die Brücke zu den von mir formulierten Problemen bauten.

Als Ausgangspunkt halfen mir diese 12 Probleme, die vielleicht auch eine Inspiration für dich sein können:

  1. Trägt es zu Lösungsansätzen für die Menschheit bei und fördert ein globales „Wir“, ohne dabei den Weg des geringsten Widerstands zu gehen?
  2. Spricht es das einzigartige Wissen und die Fähigkeiten der Menschen um mich herum an, und kann es sie für einen würdigen und wünschenswerten Zweck mobilisieren?
  3. Kodifiziert es universelle Prinzipien der persönlichen Effektivität und Spitzenleistung?
  4. Trägt es dazu bei, ein ganzheitliches Modell zu entwickeln, was es bedeutet, ein Mensch zu sein?
  5. Verbringt es mehr Zeit an den Grenzen und in den Tiefen, wo unentdecktes und unsynthetisiertes Wissen lebt?
  6. Bedient es sich meines Unterbewusstseins für einzigartige Einsichten, anstatt die Ideen und Überzeugungen anderer neu zu verpacken, und pflanzt es neue Ideen oder animiert es zu neuen Taten?
  7. Vermeidet es mein Ego, um Ideen auf eine Art und Weise zu teilen, die zu Selbstreflexion und Verhaltensänderung führen, statt zu Widerstand — gehen sie einfühlsam mit dem Problem um, statt auf meiner Lösung zu beharren?
  8. Verringert es die Anzahl trivialer Entscheidungen, um mehr und schneller qualitative Entscheidungen treffen zu können?
  9. Entwickelt es den Fokus, die Disziplin und das Umfeld, um Handeln zu einem Standardzustand zu machen?
  10. Vermeidet es die Fallen der hedonistischen Tretmühle (Statussignale, übermäßiger Konsum, vergnügungssüchtiges Verhalten)?
  11. Lässt es zufrieden ins Bett gehen und aufwachen?
  12. Überwindet es Ängste und Selbstzweifel und fördert Liebe, um ein authentisches und sinnvolles Leben zu führen?

Mit meinen 12 Problemen konnte ich also für mich nicht nur klären, wo und wofür ich die ÜBERSCHRIFTEN sehe, sondern in diesem Prozess erkennen, wohin genau ich selbst dabei will — und vor allem auch für und in welchem Kontext. Und was ich dafür tun oder lassen muss, immer und immer wieder.5

Ein Selbstbild zeigt uns keinen Weg, so schön es gemalt und so detailverliebt es auch sein mag. Es ist letztlich ein Gemälde, ein idealisiertes Spiegelbild, eine Verlockung, wie wir uns selbst gerne sehen und gesehen werden würden. Das Selbstbild stellt uns nur keine Fragen, es beinhaltet keine Verantwortung und hält uns nicht auf Kurs; es zeigt uns verheißungsvoll einen Stern zum Navigieren, für den wir unser Raumschiff bauen wollen, nur damit der sich als unsere Sonne offenbart, der wir uns nähern, während das Wachs der damit befestigten Federn unserer erdachten Persönlichkeit an unseren Stiefeln schmilzt. Zu den Sternen gelangen wir nicht, wenn wir uns eigentlich nur fragen, wie wir dabei aussehen.

Was es ist und wie es sein könnte; wie es ist und was es sein könnte: Kontext ist für König:innen.6


  1. Scott Adams, „The Dilbert Future“. Auch, wenn Adams in dem Sinne im Anhang des Buches auf ein paar Seiten nur etwas über affirmations schreibt. 
  2. Maxwell Maltz, „Psycho-Cybernetics“. Ein etwas komischer Titel für eines meiner ersten Bücher rund um Persönlichkeitsentwicklung überhaupt. 
  3. Jenny Holzer nutzt für ihre Installationen inzwischen die Texte anderer Künstler. 
  4. Serendipität! 
  5. Das ganz bewusste Entfernen ableistischer Begrifflichkeiten ist eine sofortige Konsequenz davon. 
  6. ÜBERSCHRIFTEN № 538

Wie passiert eigentlich gerade die Welt

Wenn Phrasen wie „Fake News“, „Verschwörungstheorien“ und „Meinungsfreiheit“ den öffentlichen Diskurs beherrschen und die sonderlichsten Reaktionen hervorrufen, ist es mehr als sonst an der Zeit, dass du dir darüber kritisch Gedanken machst, was genau eigentlich passiert, wie das passiert, und vor allem dass du dich selbst reflektierst und dir überlegst, was du tun kannst.

Deshalb gibt es hier für dich eine kleine Übersicht meiner persönlichen Ergänzung der Liste kognitiver Verzerrungen in der Wikipedia mit zusammengefassten wichtigen Konzepten, Trugschlüssen und Verzerrungen, die aktuell ganz besonders die Welt in Kontext setzen, und die Qualität deines Denkens, der Ausgabe davon und letztlich dein Handeln beeinflussen können.

Ankereffekt

Wir werden — unabhängig von unserer tatsächlichen Expertise — von (bewusst) erwähnten Zahlenwerten in unserer Entscheidungsfindung beeinflusst, ohne dass wir uns dieses Einflusses bewusst sind, und selbst, wenn diese Zahlen irrelevant sind.

Beispiel: Wenn Immobilienmakler:innen ein Preis für eine Immobilie genannt wird, orientiert sich die Immobilienmakler:innen in der eigenen Preisgestaltung daran.

Apophänie

Wir zwingen unsere Vorstellungen den Anordnungen von Daten auf, und sehen Muster, wo es gar keine Muster gibt. Wahrscheinlich würden wir einen echten Zufall nicht erkennen, wenn er uns begegnet.

Siehe auch: Prädiktive Kodierung, Narrative Verzerrung.

Attributionsfehler

Wir neigen dazu, die guten Taten unserer Verbündeten ihrem Charakter zuzusprechen, und die schlechten Taten den Umständen.

Bei unseren Gegner:innen ist es genau andersherum: Die guten Taten sprechen wir den Umständen zu, die schlechten dem Charakter.

Availability Cascade

Wenn ein neues Konzept — besonders solche, die einen komplexen Sachverhalt in einfacher Manier erklären können — in eine Sammlung kollektiver Konzepte gebracht wird, reagieren wir darauf und verstärken es.

Dadurch wird es noch bekannter, was wiederum andere Menschen dazu bringt, darauf zu reagieren und es weiter zu verstärken.

So wird eine Kettenreaktion in Gang gesetzt: Individuen eignen sich das neue Konzept an, weil es sich andere Menschen in dem Netzwerk ebenfalls angeeignet haben.

Barnum-Effekt

Was Astrologie, Wahrsagerei und diverse Persönlichkeitstests gemeinsam haben ist, dass sie uns erstaunlich oft davon überzeugen, dass die Aussagen persönlich auf uns zutreffen.

Diese sind so vage, dass wir unsere eigene Bedeutung interpretieren und uns deshalb manchmal in Ehrfurcht vor ihrer Genauigkeit wiederfinden.

Belief-Bias

Argumente, die wir normalerweise als idiotisch abstempeln würden, erscheinen auf einmal völlig logisch, wenn sie zu Schlussfolgerungen führen, denen wir zustimmen.

Wir beurteilen die Stärke eines Argumentes nicht danach, wie sehr es eine Schlussfolgerung unterstützt, sondern wie sehr wir die Schlussfolgerung unterstützen.

Benfordsches Gesetz

Je niedriger der zahlenmäßige Wert einer Ziffernsequenz an einer Stelle einer Zahl ist, desto wahrscheinlicher ist ihr Auftreten innerhalb eines Datensatzes.

Beispiel: Zahlen mit der Anfangsziffer 1 treten in etwa 6,6-mal so häufig auf wie Zahlen mit der Anfangsziffer 9.

Bestätigungsfehler

Wir neigen dazu, Informationen so auszuwählen und zu interpretieren, dass diese unsere eigenen Erwartungen bestätigen.

Beispiel: Wenn du dir ein bestimmtes silbernes Auto gekauft hast, wirst du es überall sehen; wenn du dir die teuren neuen Kopfhörer gekauft hast, wirst du nur noch Testberichte lesen, die dich in deiner Entscheidung bestätigen.

Verwandt: Kognitive Dissonanz.

Bias blind spot

Wir neigen dazu zu glauben, dass wir selbst völlig frei, oder wenigstens freier, von Beeinflussungen sind und kognitive Verzerrungen nur auf andere zutreffen.

Concept Creep

Da gesellschaftliche Probleme (in der westlichen Welt), wie Rassismus oder sexuelle Diskriminierung, quantitativ tatsächlich abnehmen, reagieren wir darauf, in dem wir die Definition davon erweitern, und dadurch die Illusion erschaffen, dass diese Probleme schlimmer werden.

Dunning-Kruger-Effekt

Das Bewusstsein über die Grenzen der Kognition / des Denkens erfordert ein Können in Metakognition, dem Denken über das Denken.

Beispiel: Wenn du nicht in entsprechender Tiefe nachdenken kannst, fehlen dir die Möglichkeiten zu verstehen, wie sehr du nicht in entsprechender Tiefe nachdenken kannst.

Emergenz

Wenn viele einfache Dinge miteinander interagieren, kann dadurch in der Summe etwas größeres entstehen / eine Qualität haben, zu dem diese Dinge selbst nicht fähig sind / die sie selbst nicht haben.

Beispiel: Aktienhändler:innen, die den Aktienmarkt bilden; Neuronen, die das Gedächtnis bilden; mathematische Regeln, die „lebende“ Muster ergeben.

Enantiodromie

Etwas von Überfluss in einer Sache kann das Gegenteil beflügeln.

Beispiel: Eine Gesellschaft, die zu liberal ist, wird eine gewisse Toleranz gegenüber Gewaltherrscher:innen entwickeln, der die Gesellschaft schließlich „de-liberalisiert“.

Ergodizität

Ein Beispiel für ein ergodisches System ist das Würfeln: Ob ein Würfel 1000-mal hintereinander gewürfelt wird, oder 1000 Würfel auf einmal gewürfelt werden, liefert sowohl zeitlich als auch in der Schar statistisch denselben Mittelwert für die Augenzahl.

Das liegt daran, dass die gleichzeitigen Würfe alle in leicht verschiedenen Zuständen sind und daher auch ein Mittel über den Zustandsraum abgeben.

Ein Beispiel für ein nicht-ergodisches System ist der Münzwurf: Ausgehend vom ersten Wurf wird entweder die konstante Folge für Kopf „1, 1, 1, …“ oder sonst die konstante Folge „0, 0, 0, …“ genommen. Die Scharmittel sind hier 1/2 — die Zeitmittel jedoch 1 oder 0 (mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 %).

In einem nicht-ergodischen System ist das individuelle Ergebnis über die Zeit hinweg nicht das durchschnittliche Ergebnis der Schar; das Ergebnis hängt von einem vorherigen Ergebnis ab.

Die meisten behandeln nicht-ergodische Systeme, als seien sie ergodisch, das heißt, sie erwarten und verwechseln den zeitlichen Mittelwert mit dem Scharwert.

Daraus ergeben sich interessante Fragen wie:

  • Ist eine Gesellschaft bezüglich der momentanen Einkommen ein ergodisches System?
  • Wenn man das Einkommen eines Individuums über einen sehr langen Zeitraum verfolgt, erhält man dann das mittlere Einkommen aller Individuen zu einem Zeitpunkt?

Extremistische Phasenübergänge

Extremistische Bewegungen können sich wie in Aggregatzuständen bewegen: feste Körper (Diktaturen), flüssige Körper (Aufstände), und gasförmige Körper (Verschwörungstheorien).

Wenn sie unter Druck gesetzt werden, verhalten sie sich entsprechend und gehen von fest zu flüssig zu gasförmig.

Andersherum, wenn sie „in Ruhe gelassen werden“, verhält es sich ebenso, von gasförmig zu flüssig zu fest.

Falsche Ausgewogenheit

Falsche Ausgewogenheit passiert, wenn in Medien Wissenschaftler:innen, die einen (insbesondere) peer-reviewten Konsens vertreten, und Laien, die eine Mindermeinung vertreten, aufeinander treffen, und so der Eindruck vermittelt wird, als seien Konsensmeinung und Mindermeinung gleichwertig.

Beispiel: Treffen eine Physikerin und ein Mitglied der „Flat Earth Society“ in einer Talkshow aufeinander.

False Consensus Effect

Wir neigen dazu, unsere Meinungen, Überzeugungen, Eigenschaften und Handlungen als ebenfalls die der meisten anderen Menschen zu betrachten.

Beispiel: Wenn du dich rassistisch benimmst, ist es sehr wahrscheinlich, dass du davon ausgehst, dass es andere auch tun würden.

Focusing Illusion

Nichts ist in Wirklichkeit so wichtig wie wir denken während wir darüber nachdenken.

Beispiel: Sich über etwas Sorgen zu machen lässt die Sache, über die wir uns Sorgen machen, schlimmer erscheinen, als sie wirklich ist.

Siehe auch: Ankereffekt.

Goodharts Gesetz

In dem Augenblick, in dem ein Maß ein Ziel wird, hört es auf, ein Maß zu sein.

Beispiel: Britische Kolonialherrscher hatten in Indien versucht, die Population der Schlangen zu kontrollieren. Den Fortschritt maßen sie anhand von getöteten Schlangen, indem sie Geld für Schlangenkadaver anboten. Die Bevölkerung ging darauf ein, in dem sie Schlangen züchteten und töteten.

Halo-Effekt

Wenn wir eine angenehme/favorisierte Eigenschaft in einem anderen Menschen sehen, nehmen wir an, dass dieser Mensch auch andere solche Eigenschaften hat. Das Gegenteil gilt ebenfalls.

Beispiel: Menschen, die wir für schön halten, werden wir auch oft für intelligent halten.

Kausale Reduktion

Dinge passieren selten nur aus einem Grund. Meistens sind sie das Ergebnis von mehreren Dingen, die einander direkt oder indirekt beeinflussen.

Unser Gehirn kann allerdings nur selten solche komplexen Arrangements verarbeiten, weshalb wir dazu neigen, die Ergebnisse einer einzelnen Sache zuzuschreiben, und so das Netz von Kausalitäten zu einer bloßen Verkettung von Ereignissen reduzieren.

Kulturelles Parasitentum

Eine Ideologie ist wie ein Parasit im Kopf, der das Verhalten ihrer Wirte verändert, so dass sie ihn auf andere übertragen.

Eine erfolgreiche Ideologie — die, von denen wir hören –, ist nicht geschaffen, um wahr zu sein, sondern so beschaffen, sich möglichst einfach übermitteln und glauben zu lassen.

Je größer die Dichotomie als Grundlage, je schwarz-weiß, desto leichter.

Kumulative Fehler

Fehler häufen sich nicht nur rund um einen Fehler, sie stapeln und vermehren sich darauf.

Glaubenssätze sind auf Glaubenssätzen gebaut, so dass ein falscher Gedanke sich lawinenartig in eine wahnhafte Weltsicht verwandelt.

Beispiel: Wenn irgendwo im Netz etwas Falsches gepostet wird, fügt sich dem schnell mehr hinzu, bis so letztlich Fake News entstehen. In unserer vernetzten Welt sind kumulative Fehler die Norm.

Law of the Instrument

Menschen, die mit einem Werkzeug gut vertraut sind, neigen dazu, dieses Werkzeug auch dann zu benutzen, wenn ein anderes besser geeignet wäre.

Dem liegt oft der Denkfehler zugrunde, dass eine Vorgehensweise, die in der Vergangenheit zum Erfolg geführt hat, auch in allen anderen Fällen künftig zum Erfolg führen wird.

Lesbarkeit von komplexen natürlichen Systemen

Wenn wir ein komplexes natürliches System sehen, und es unordentlich aussieht, nehmen wir an, dass es auch ungeordnet sein muss.

Durch das Aufzwingen einer eigenen Ordnung um es „lesbar“ zu machen werden allerdings essenzielle Komponenten, die wir nicht verstanden haben, entfernt, die das System so zum kollabieren bringen.

Limited Hangout

Für gewöhnlich eine Taktik von Journalisten und Politikern, bei der eine spannende/interessante/faszinierende Information veröffentlicht wird, die die Neugier befriedigt, und der Entdeckung von schlimmeren/schlechteren Informationen vorbeugt.

Beispiel: Politiker:innen, die beschuldigt werden, Kokain konsumiert zu haben, geben dann vielleicht zu während der Studienzeit Cannabis konsumiert zu haben.

Loki’s Wager / God of the gaps

Loki’s Wager ist das unvernünftige Beharren darauf, dass ein Konzept nicht definiert und daher auch nicht diskutiert werden kann.

Beispiel: „Gottes Wege sind unergründlich.“

Matthäus-Effekt

Vorteile erzeugen Vorteile, die zu sozialen, ökonomischen und kulturellen Oligopolen führen.

Beispiel: Je mehr Geld du hast, desto leichter ist es, noch mehr Geld zu verdienen; je mehr Anerkennung du als Wissenschaftler:in für eine Entdeckung erhältst, desto mehr Anerkennung wirst du für zukünftige Entdeckungen erhalten.

Narrative Verzerrung

Die Narrative Verzerrung ist das nachträgliche Erschaffen einer Erzählung, um einem Ereignis einen plausiblen Grund zu verleihen.

Beispiel: Wenn Drogenabhängige Selbstmord begehen, gehen wir davon aus, dass sie die Angewohnheit des Drogenkonsums in den Suizid getrieben hat, selbst wenn es das nicht tat.

Siehe auch: Apophänie, Pareidolie.

Nirvana-Fehlschluss

Ein Nirvana-Fehlschluss liegt dann vor, wenn wir etwas ablehnen, weil es sich unvorteilhaft mit einer Idee vergleicht, die in der Wirklichkeit allerdings unerreichbar ist.

Beispiel: Kapitalismus verteufeln auf Grund der Überlegenheit eines erdachten Sozialismus.

Out-group Homogeneity

Wir neigen dazu, Menschen, die nicht zu unserer „Gruppe“ dazugehören, als „alles dieselben“ zu betrachten, während wir uns innerhalb der Gruppe als divers betrachten.

Pareidolie

Wir sehen überall Muster und Formen, wo gar keine sind — ganz besonders Gesichter.

Siehe auch: Apophänie

Paretoprinzip

80 % des Ergebnisses können mit 20 % des Aufwandes erreicht werden. Es gilt der Umkehrschluss: die verbleibenden 20 % werden mit 80 % des Aufwandes erreicht.

Bemerkenswert ist das Paretoprinzip an anderen Stellen: 80 % des Reichtums wird von 20 % der Menschen gehalten, 80 % der Verbrechen wird von 20 % der Straftäter begangen, 80 % aller Computerfehler stammen aus 20 % der Fehler, 80 % von Verkaufserlösen stammen aus 20 % der Produkte etc.

Peter-Prinzip

Beschäftigte neigen in einer Hierarchie dazu, solange aufzusteigen, bis sie letztlich inkompetent sind.

Die erste Ableitung: Nach einer gewissen Zeit wird jede Position von Mitarbeiter:innen besetzt, die unfähig sind ihre Aufgabe zu erfüllen.

Peter-Pan-Syndrom

Mit dem Peter-Pan-Syndrom werden Menschen beschrieben, die nicht fähig sind daran zu glauben, dass sie älter sind und/oder sich nicht so benehmen, wie es für gewöhnlich mit erwachsenen Menschen assoziiert wird, wie zum Beispiel dem Übernehmen von Verantwortung.

Verwandt: Dorian-Gray-Syndrom.

Pluralistische Ignoranz

Pluralistische Ignoranz ist ein Phänomen, bei der eine Gruppe mit einer Norm mitgeht, obwohl die Mitglieder der Gruppe diese Norm insgeheim hassen, weil sie fälschlicherweise davon ausgehen, dass die anderen Mitglieder ihr zustimmen.

Beispiel: die meisten Parteien.

Prädiktive Kodierung

Es gibt keine Bewegung auf dem Bildschirm — unser Gehirn erfindet sie. Es gibt keine Pausen zwischen gesprochenen Wörtern — unser Gehirn fügt sie hinzu.

Die menschliche Wahrnehmung ist wie die Textvorschlag-Funktion im Handy: das Unbekannte durch das Erwartete ersetzen.

Siehe auch: Apophänie.

Reaktanz

Wenn wir in etwas eingeschränkt werden, oder dazu gedrängt werden, etwas zu tun, dann neigen wir dazu, unsere ursprüngliche Handlung zu verstärken.

Beispiel: Wenn wir das Gefühl haben, in unserer Meinungsbekundung eingeschränkt zu werden, oder dazu gedrängt werden, eine andere anzunehmen, dann reagieren wir meist dadurch darauf, dass wir unsere Meinung weiter verfestigen.

Russell’s Conjugation

Synonyme können positive oder negative Assoziationen hervorrufen, ohne dabei die grundlegende Bedeutung eines Wortes zu ändern.

Das ist die Grundlage für viele Meinungsverschiebungen im Journalismus.

Beispiel: Ich bin „willensstark“, er ist „eigensinnig“, du bist „dickköpfig.“

Shifting Baseline

Wir werden blind gegenüber den Dingen, die uns vertraut sind.

Da sich die Welt ständig verändert, und wir uns immer daran gewöhnen, können wir auch blind gegenüber Katastrophen werden, die langsam auf uns zurollen.

Beispiel: Sagt der Frosch zum Fisch, „Wie ist das Wasser?“. Darauf antwortet der Fisch, „Was ist Wasser?“

Simpson-Paradoxon

In gruppierten Daten kann ein Trend auftreten, der aber verschwinden kann, wenn diese Gruppen kombiniert werden.

Streetlight Effect

Wir beziehen unsere Informationen von dort, wo es am leichtesten ist, sie zu beziehen.

Kumulativ kann das ein ganzes Feld verzerren und mitunter zur Verstärkung führen.

Beispiel: Ein Großteil von Forschungen benutzt nur die erste Seite von Suchmaschinen-Ergebnissen, egal wie korrekt sie sind.

Siehe auch: Kumulative Fehler, Survivorship Bias, Unbekanntes Unwissen.

Subpersonality

Wir nutzen unterschiedliche mentale Prozesse in unterschiedlichen Situationen, so dass wir nicht eine einzige Persönlichkeit sind, sondern eine Ansammlung verschiedener Persönlichkeiten, die den Körper entsprechend der Situation steuern.

Beispiel: Es gibt ein „Büro-Du“, ein „Online-Du“, ein „Liebhaber-Du“ etc.

Survivorship Bias

Wir neigen dazu, Ereignisse, die eine Sichtbarkeitschwelle überschreiten, überzubetonen.

Beispiele:

  • Unser Verständnis von Serienmörder:innen beruht auf denen, die wir gefasst haben.
  • Nachrichten sind nur Nachrichten, wenn sie die Ausnahmen statt der Regel sind, da wir sie aber sehen, behandeln wir sie, als ob sie die Regel wären.

Siehe auch: Unbekanntes Unwissen.

Tocqueville-Paradoxon

Wenn die Lebensstandards einer Gesellschaft steigen, dann wachsen die Erwartungen der Bevölkerung an die Gesellschaft mit ihr. Irgendwann wird die Erwartungshaltung das Wachstum der Lebensstandards überholen, was letztlich zu Unzufriedenheit führt, und manchmal zu populistischem Aufbegehren.

Unbekanntes Unwissen

Es gibt bekanntes Wissen. Das sind Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie wissen.

Es gibt bekanntes Unwissen. Das bedeutet, es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie nicht wissen.

Aber es gibt auch unbekanntes Unwissen. Das sind Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen.

Siehe auch: Survivorship Bias.

Woozle-Effekt

Alternativ: „Beweis durch Zitation.“ Ein Artikel behauptet etwas ohne Beweis, und wird dann durch einen weiteren Artikel zitiert, der wiederum zitiert wird, und so weiter, bis die Reihe/Menge der Zitationen den Eindruck erweckt, dass es für die Behauptung Beweise gibt, obwohl in Wirklichkeit alle Artikel dieselbe, eine unbestätigte Quelle zitieren.

Die meisten Menschen wollen nur Lösungen – wenn du das nicht begreifst, willst du nur Lösungen

Mark ist Manager in einem Unternehmen, das an einem bahnbrechenden Produkt in seiner Branche arbeitet.

Wenn Teammitglieder Probleme, die nicht selten auftreten, ansprechen, reagiert er meist unfreundlich und gereizt. Seine Teammitglieder haben dann das Gefühl, dass er nur einen Misserfolg zu hören scheint, die Beherrschung verliert und laut wird.

Die Ausbrüche schaden der Moral und führen oft dazu, dass seine Teammitglieder die Begeisterung für das Projekt verlieren und zögern, Mark gegenüber Probleme zu erwähnen.

Deshalb überbringt das Team von Marks ihm nur noch gute Nachrichten von den Dingen, an denen sie arbeiten, und lässt Mark für alle potenziellen Probleme blind.

Interpretation

Wir sagen viel zu oft „Ich will keine Probleme, ich will Lösungen.“ Auch wenn wir vielleicht glauben, dass das Beschwerden reduziert und das Engagement erhöht, ist es dennoch mit einigen Herausforderungen verbunden:

Nicht jedes Problem hat eine einfache Lösung. Und die Komplexität von wichtigen Problemen zu bewältigen erfordert viel Mühe und Zeit.

Zudem schafft ein rein lösungsorientiertes Denken eine Kultur der ständigen Zustimmung — statt einer Kultur der Auseinandersetzung und Erkenntnis –, in der wir letztlich in eine Situation geraten, in der wir in unserer Art und Weise, Probleme zu lösen, festgefahren sind und uns energisch für diese eine Lösung einsetzen, anstatt andere Perspektiven und Möglichkeiten in Betracht zu ziehen.

Ein Hauptgrund dafür, dass wir trotz aller Schwierigkeiten weiterhin „Ich will keine Probleme“ sagen, liegt auch darin, dass wir eine „Kultur des Beschwerens“ vermeiden wollen. Nur ist Kommunikation rund um mögliche Barrieren und Hindernisse etwas anderes als sich zu beschweren, und sie kann eine positivere Form annehmen.

Denn wenn Probleme „richtig“ kommuniziert werden, schafft das ein Umfeld, in dem wir uns sicher fühlen, und das es uns erlaubt, schlechte Nachrichten möglichst früh zu überbringen, sodass wir wertvolle Vorlaufzeit haben, um eine Krise abzuwenden:

Falls das Problem so groß ist, dass wir es nicht mehr lösen können, ist vielleicht jemand anderes besser für die Bewältigung geeignet. In manchen Fällen kann das Problem so wichtig oder so offensichtlich sein, dass du dich weiter einbringen musst.

Du wirst immer auf Probleme stoßen. Wenn du dich und die Menschen in deinem Umfeld dazu einlädst, Probleme möglichst früh, oft und konstruktiv zur Sprache zu bringen, statt auf Lösungen zu beharren, nimmt unser aller Angst ab und es erhöht unser Engagement und beschleunigt das Tempo der Problemlösung.

Randbemerkung

Das Erkennen von Problemen kann ein Individualsport sein — Lösungen zu finden ist allerdings meistens Mannschaftssport.


Dieser Text entstand ursprünglich für die zweite Version der ÜBERSCHRIFTEN.

Die meisten Menschen wollen nur hören, was ihre Weltsicht bestätigt

Maria stritt sich mit ihrem Nachbarn immer wieder darüber, ob Cannabis nun der Gesundheit schaden würde oder nicht.

Egal, wie sie argumentierte — er würde ihr einfach nicht zu hören, und schaffte es ständig, ihre Beweise so umzudichten, dass sie seine Meinung stattdessen nur befeuerten.

Als sie sich zufällig im Hausflur trafen, und die Diskussion gerade wieder anzufangen drohte, wollte sie sich direkt auf eine neutrale Instanz berufen, die ihre Sicht bestätigen sollte.

Sie nahm ihr Smartphone, suchte nach Langzeitwirkung von Cannabis-Konsum, und der erste Treffer gab genau das wieder, wie sie es selbst sah.

Interpretation

Ein Bestätigungsfehler ist unsere Neigung, Informationen so zu sammeln, dass sie unsere Erwartungen bestätigen. Er entsteht durch den direkten Einfluss unseres Wunsches auf unsere Überzeugungen.

Wenn wir wollen, dass eine bestimmte Idee oder ein bestimmtes Konzept wahr ist, glauben wir am Ende, dass es wahr ist. Wir werden durch Wunschdenken motiviert.

Dieser Irrtum führt dazu, dass wir aufhören, Informationen zu sammeln, wenn die bisher gesammelten Beweise die Ansichten oder Vorurteile bestätigen, die wir gerne für wahr halten würden.

Sobald wir uns eine Meinung gebildet haben, übernehmen wir die Informationen, die unsere Ansicht bestätigen, während wir Informationen, die Zweifel daran aufkommen lassen, ignorieren oder zurückweisen.

Ein Bestätigungsfehler deutet darauf hin, dass wir die Umstände nicht objektiv wahrnehmen: Wir suchen uns die Informationen heraus, die uns ein gutes Gefühl vermitteln, weil sie unsere Vorurteile bestätigen. So können wir zu Gefangenen unserer Annahmen werden.

Wir sind geneigt, zu glauben, was wir glauben wollen. Die Suche nach der Bestätigung unserer Überzeugungen liegt in unserer Natur, während es sich gleichzeitig belastend und widersprüchlich anfühlt, nach Beweisen zu suchen, die unseren Überzeugungen widersprechen.

Das erklärt auch, warum Meinungen überleben und sich verbreiten: Widerlegende Beispiele sind bei der Wahrheitsfindung weitaus mächtiger. Ein Widerspruch würde die Suche nach Beweisen erfordern, um sie zu entkräften.

Randbemerkung

Das ist vielleicht eine treffende Definition von Selbstvertrauen: die Fähigkeit, die Welt zu betrachten, ohne nach Beispielen suchen zu müssen, die unserem Ego schmeicheln.


Dieser Text entstand ursprünglich für die zweite Version der ÜBERSCHRIFTEN.